Meine Gedichte bewegen sich zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen dem, was bleibt, und dem, was vergeht. Sie folgen den Spuren vergangener Augenblicke und den Geschichten, die in uns weiterleben. Es sind Texte über das menschliche Innenleben und die Kraft der Erinnerung.

Zufluchtsort

Eine Kirche mitten in einem Garten.
Apfelblüte,
schutzlose, nackte Zweige und
der Ruf einer Krähe,
erstarrt im warm-flimmernden Licht
der Glasfenster.
Mein Körper ist durchsichtig, unschuldig
und offen für jeden Klang.

Seit ich dir begegnet bin,
nach so vielen Jahren des Schweigens,
spreche ich wieder mit Gott.
Und ich bitte nicht um Nähe,
sondern um Abstand,
um einen Zufluchtsort.

Ich schreibe, damit zwischen den Zeilen
ein Ort bleibt,
den du nicht betrittst.


Ma belle“

Du warst deutlich älter als ich.

Du hattest deine eigene Bar, und abends legtest du Musik auf.

Du hast mich nie beim Namen genannt.

Du sagtest: „Ma belle“.

An diesem Abend saßen wir am Fenster eines kleinen, unscheinbaren Restaurants.

Du zeigtest mir Fotos von deiner Familie.

— Das ist mein Bruder. Groß, oder?

— Das ist der Ältere.

— Und das ist der Jüngere.

Du blättertest weiter, ohne Eile.

— Das sind meine Schwägerin und ihr Kind.

— Das ist meine Schwester. Und ich.

Du lächeltest kurz.
— Sie ist verrückt.

Dann zeigtest du mir alte Filmplakate.
Die Stempel darauf waren sauber, fast höflich.

— Das bedeutet Originale, sagtest du. Keine Nachdrucke.

Du sammeltest alte Filmplakate, aber viel mehr interessierten mich die Geschichten hinter deinen Narben.

Nach einer kurzen Pause fragte ich:

— Woher kommt die?

Du berührtest deine rechte Wange.

— Ein Hund hat mich als Kind gebissen.

— Und die hier am Kinn?

— Ich bin auf einer Rolltreppe gestürzt, als ich mit meiner Großmutter unterwegs war.

Dann erzähltest du, dass deine Eltern sehr wütend waren, weil dir das schon zweimal passiert war.

Und beide Male war deine Großmutter dabei.

— Und diese hier am Hinterkopf?

Du dachtest einen Moment nach.
Du wusstest es einfach nicht mehr.

Der Wein machte alles leichter. Plötzlich wollte ich sagen:

— Weißt du, ich glaube, ich sollte dich genau jetzt, hier in diesem Restaurant, in die linke Wange beißen. 

Für die Geschichte. Und dann wirst du viele Jahre später erzählen können, dass eine Frau dir diese Narbe hinterlassen hat.

Und dann wirst du meinen Namen nennen.

***

Gespannte Saite

Der Raum der Erinnerung –
ein Einschnitt im Himmel,
ein mit dem Fingernagel durchstochenes Loch,
durch das Mondlicht strömt.

Wir sind
zwei kleine Vögel
auf einem schwarzen Draht,
auf der gespannten Saite der Stadt,
auf einem verirrten Faden der Zeit.

Ich habe Angst vor scharfen Gegenständen,
und doch gehe ich weiter
über einen weichen Teppich
aus Nadeln und trockenen Blättern –
immer tiefer,
dorthin, wo man sich verbergen kann.

Und dort,
im Inneren der Stille,
setze ich mich,
lege den Kopf in den Nacken.

Die Sprache –
ein im Körper vergrabener Schatz.
Der Körper –
eine Schallplatte,
Wessen Hand
lässt die Nadel so achtlos sinken?

Ich ziehe die Schuhe aus.
Gehe über heiße Steine,

über Staub.

Eine gefundene Feder,
bleibt zwischen den Seiten –
und sagt mehr
als das Buch.

Eine Notiz
am Rand eines alten Heftes:
ein Pfeil,
der das Auge des Stiers traf –
und Hunderte Pfeile,
die ihr Ziel verfehlten.

Und weißt du:

schmerzlicher war nicht das Fortgehen eines Menschen,
sondern der gefällte Baum,
auf dem ich mich als Kind versteckte.

***

Ein wenig Glück

Der Stadt,
die mir so viel gegeben hat.
Denen, die geblieben sind.
Und denen, die gegangen sind.
Wir bleiben dort.

Der Sommer sollte eine schöne Geschichte haben.
Vielleicht muss er das nicht,
aber ich würde es mir wünschen.

Nachts durch die Stadt,
die sich endlos anfühlte,
bin ich nach Hause gekommen.
Ein ruhiger, angenehmer Weg.

Meine Mutter hatte so viel Essen gemacht,
dass ich nicht einmal alles probiert habe.
Wir sind im Morgengrauen eingeschlafen.
Es wurde schon hell.

Sie hat mir ihre Gedichte vorgelesen –
die sie viel besser schreibt als ich.

Wir haben Lindenblütentee getrunken,
und sie hat lächelnd gesagt:
„Ich bin so froh, dass du gekommen bist.“

Am Morgen Kaffee im Café am Bahnhof.
Sie blätterte in einer illustrierten Ausgabe von „Krieg und Frieden“
und schwieg lange.

Dann sah sie auf und sagte:
„Guter Kaffee.“

Tagsüber Regen, Hagel.
Wir blieben im Haus.
Pfannkuchen auf dem Tisch,
Johannisbeertee im Glas,
die Stimme der Großmutter aus dem Nebenzimmer,
Geschichten, die schon erzählt waren und doch wieder kamen.

Damals dachte ich noch,
dass solche Tage nicht verschwinden können.

Glück war das nicht.

Ich war mit einem Freund auf einer Ausstellung
eines Fotografen aus Chicago.
Wir gingen am Fluss entlang
und stiegen auf die Dachterrasse der Bar „Strelka“.
Die Stadt lag unter uns,
Dampfer zogen langsam vorbei.

Ich erinnere mich nicht an die Fotografien.
Vielleicht waren dort gar keine.

Alles war in kyrillischer Schrift geschrieben.
Die dreiunddreißig Buchstaben lagen vor mir
wie etwas Vertrautes,
das ich lange nicht mehr berührt hatte.

Mein Freund wählte zwischen
Lachstartar
und veganem Burger
und lachte über die Entscheidung selbst.

Glück war nichts Festes.

Eher ein Licht auf der Haut,
eine Linie, die kurz sichtbar wird.
Magie, die nicht bleibt.

Ein Tag mit meinen alten Schulfreunden.
Mittags auf dem Markt:
Obst, Gewürze, Nüsse.
Vietnamesische Küche, zu scharf, zu viel, genau richtig.

Die Jungs kippten die ganze Sauce in die Suppe
und waren schweißgebadet von der Schärfe.
Gesichter rot, Augen groß,
und doch lachten wir weiter.

Wir gingen zu Fuß in den Park,
an Mauern entlang, durch warmes Licht.
An der Ziegelmauer eines Klosters
machten wir ein Foto.
Wir drei. Lächeln.
Nicht wie früher – eher: noch einmal.

Das Foto ist geblieben.
Die Stadt haben wir später alle verlassen.

Im Park eine Bank.
Ein Pétanque-Spiel im Abendlicht.
Wir sprachen lange, ohne Ziel.
Als wir gingen, war klar,
wo wir am Samstag tanzen würden.

„Also, sei bereit.
Du wirst uns vertrauen müssen.“

Und ich dachte:
vielleicht bleibt vom Sommer
nur noch Stille.

***

Meine griechischen Ferien 

1.

Ein paar Minuten allein auf dem Dach.
Wasserrauschen – jemand duscht.
Ein sich umarmendes Paar auf der anderen Straßenseite verschwindet in der Tür des Hauses.
Licht im Fenster.
Der Himmel: blauviolett.
Blühende Bäume, sonst niemand.

Ein kleiner, enger Strand.
Hinausschwimmen bis hinter die Bojen.
Ein Rausch der Freude, fast schmerzhaft.
Vom Tag verbrannt.

Ein zu enger Badeanzug.
Muschelreste auf der Haut.
In der Apotheke anstehen, Aloe-Vera-Gel kaufen.

2.

Mit dem Boot in eine Richtung fahren.
Eine Taverne, verborgen vor Blicken.
Der Sonnenuntergang wechselt seine Farben.

Abendessen am Meer.
Ein letztes Schwimmen in der Dunkelheit.
Das Wasser warm, als Verlängerung des Körpers.

Nasse Haare auf dem Rücken.
Lichter. Griechische Musik.
Der Heimweg durch die Nacht.

Weihrauch in der Luft.
Unzählige Katzen, die mehr schlafen als ich.

3. Spetses

Eine verlassene Villa.
Das College, an dem John Fowles unterrichtete.
Weißwein am Strand. Übergang in die Nacht.

Nackt im Meer schwimmen.

Ich streichle eine streunende Katze am Tisch. Dann bin ich allein.

Ich drehe mich um – und sehe jemanden, an den ich mich erinnere.
Unsere Blicke treffen sich. Er wendet sich ab, dann senkt er die Augen —
und ich sehe, dass er sich freut.

Seine blauen Augen.
Gebräunte Haut.
Leicht ergrautes Haar.

Etwas an ihm berührt mich.

Ein paar Sekunden. Eine Überschneidung zweier Leben.
Abendsonne. Wärme auf der Haut.

Es ist unmöglich, sich zu nähern.
Ein Aufblitzen eines nicht gelebten Lebens.

***

Du nahmst mein Handgelenk
und verbandst in meiner Armbeuge
mit einem Stift zwei Muttermale.
„Schau, das sind du und ich.“

Fast zwanzig Jahre später
sehe ich sie noch immer.
Doch die Linie dazwischen
ist mit der Zeit verblasst.

© Alëna Shornikova — https://alenashornikova.com