
Meine Gedichte bewegen sich zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen dem, was bleibt, und dem, was vergeht. Sie folgen den Spuren vergangener Augenblicke und den Geschichten, die in uns weiterleben. Es sind Texte über das menschliche Innenleben und die Kraft der Erinnerung.
***
Vom richtigen Winkel
Geliebte Gegend.
Ein kleines Haus mit einem Zugang zum Garten.
Eine Schnecke an der Küchentür.
Glocken irgendwo.
Bienen im Licht.
Niemand spricht über das, was hier fehlt.
Der Blick auf den Wald, die Hügel und den Himmel,
weich wie eine wattige Decke, die sich über alles legt.
Ich sah den gelben Tennisball auf dem Rasen
und dachte, er gehört niemandem.
Die Zubereitung des Frühstücks
und trotzdem dieses Gefühl,
dass etwas fehlt.
Wir stiegen zum Fluss hinab.
Ich wollte wissen,
was zwischen Glück und Vergnügen liegt
und ob sich dieser Abstand überhaupt messen lässt.
Du hast nicht sofort geantwortet.
Vergnügen kommt von außen und ist an Dinge gebunden,
die kommen und gehen.
Glück ist leiser.
Es hat kein festes Gesicht,
eher eine Art Gleichgewicht,
das bleibt, auch wenn sich alles bewegt.
Später hast du mir beigebracht,
Steine ins Wasser zu werfen.
Nicht die Kraft entscheidet,
sondern der Stein selbst.
Der Stein findet den Winkel
oder verliert ihn.
Und manchmal
verschwindet er einfach.
***
Du warst deutlich älter als ich.
Du hattest deine eigene Bar, und abends legtest du Musik auf.
Du hast mich nie beim Namen genannt.
Du sagtest: „Ma belle“.
An diesem Abend saßen wir am Fenster eines kleinen, unscheinbaren Restaurants.
Du zeigtest mir Fotos von deiner Familie.
— Das ist mein Bruder. Groß, oder?
— Das ist der Ältere.
— Und das ist der Jüngere.
Du blättertest weiter, ohne Eile.
— Das sind meine Schwägerin und ihr Kind.
— Das ist meine Schwester. Und ich.
Du lächeltest kurz.
— Sie ist verrückt.
Dann zeigtest du mir alte Filmplakate.
Die Stempel darauf waren sauber, fast höflich.
— Das bedeutet Originale, sagtest du. Keine Nachdrucke.
Du sammeltest alte Filmplakate, aber viel mehr interessierten mich die Geschichten hinter deinen Narben.
Nach einer kurzen Pause fragte ich:
— Woher kommt die?
Du berührtest deine rechte Wange.
— Ein Hund hat mich als Kind gebissen.
— Und die hier am Kinn?
— Ich bin auf einer Rolltreppe gestürzt, als ich mit meiner Großmutter unterwegs war.
Dann erzähltest du, dass deine Eltern sehr wütend waren, weil dir das schon zweimal passiert war.
Und beide Male war deine Großmutter dabei.
— Und diese hier am Hinterkopf?
Du dachtest einen Moment nach.
Du wusstest es einfach nicht mehr.
Der Wein machte alles leichter. Plötzlich wollte ich sagen:
— Weißt du, ich glaube, ich sollte dich genau jetzt, hier in diesem Restaurant, in die linke Wange beißen.
Für die Geschichte. Und dann wirst du viele Jahre später erzählen können, dass eine Frau dir diese Narbe hinterlassen hat.
Und dann wirst du meinen Namen nennen.
***
Zufluchtsort
Eine Kirche mitten in einem Garten.
Apfelblüte,
schutzlose, nackte Zweige und
der Ruf einer Krähe,
erstarrt im warm-flimmernden Licht
der Glasfenster.
Mein Körper ist durchsichtig, unschuldig
und offen für jeden Klang.
Seit ich dir begegnet bin,
nach so vielen Jahren des Schweigens,
spreche ich wieder mit Gott.
Und ich bitte nicht um Nähe,
sondern um Abstand,
um einen Zufluchtsort.
Ich schreibe, damit zwischen den Zeilen
ein Ort bleibt,
den du nicht betrittst.
***
Alphabet der Erinnerung
Abendspaziergänge.
Erdbeeren, in kleinen Bündeln in der Hand.
Der Rand des Himmels.
Gänse schreien,
Schlangen in den Himmel geworfen.
Abendessen auf dem Balkon.
Der Walnussbaum.
Psalmen des Morgens.
Ein Weinberg im Hof.
Ein Hund ohne Schwanz
und eine trächtige Katze.
Grünes Tor.
Gabeln mit elfenbeinfarbenen Griffen.
Omas Wein.
Freies Atmen.
Das Dach —
und kleine Kränkungen,
die dort oben vergessen wurden.
Äpfel in einen Leinensack sammeln.
Hohes Gras
und das graue Auto des Großvaters,
das auf uns wartet.
Ich trage so viel in mir,
so viel Schönheit.
Doch ich berühre sie immer seltener — warum nur?
Ich bewahre sie
und fürchte, eines Tages alles zu vergessen.
Und noch:
der Bahnhof.
Waffeleis, das sofort zu verschwinden beginnt.
Kakao in einer Plastikflasche.
Feld
und der Duft von Feuer.
Pferdemähne im Wind.
Das Zirpen der Zikaden.
Und natürlich —
ich bin verliebt.
Jeden Sommer.
Immer anders.
Jetzt seltener.
Und ohne Erinnerung.
***
Gespannte Saite
Der Raum der Erinnerung —
ein Einschnitt im Himmel,
ein mit dem Fingernagel durchstochenes Loch,
durch das Mondlicht strömt.
Wir sind
zwei kleine Vögel
auf einem schwarzen Draht,
auf der gespannten Saite der Stadt,
auf einem verirrten Faden der Zeit.
Ich habe Angst vor scharfen Gegenständen,
und doch gehe ich weiter
über einen weichen Teppich
aus Nadeln und trockenen Blättern —
immer tiefer,
dorthin, wo man sich verbergen kann.
Und dort,
im Inneren der Stille,
setze ich mich,
lege den Kopf in den Nacken.
Die Sprache —
ein im Körper vergrabener Schatz.
Der Körper —
eine Schallplatte,
Wessen Hand
lässt die Nadel so achtlos sinken?
Ich ziehe die Schuhe aus.
Gehe über heiße Steine,
über Staub.
Eine gefundene Feder,
bleibt zwischen den Seiten-
und sagt mehr
als das Buch.
Und plötzlich —
Erinnerung.
Eine Notiz
am Rand eines alten Heftes:
ein Pfeil,
der das Auge des Stiers traf —
und Hunderte Pfeile,
die ihr Ziel verfehlten.
Und weißt du:
schmerzlicher war nicht der Tod eines Menschen,
sondern der gefällte Baum,
auf dem ich mich als Kind versteckte.
***
Heimkehr ohne Ende
Was mir die Zeit lässt, ist ein stilles Geschenk.
Ich bin dankbar für das, was mir geblieben ist.
Für die Schlichtheit meiner Tage,
ihre Tiefe,
ihre Sanftheit.
Wie schön es ist, nachts in einer Küche zu sitzen,
die mich schon so lange kennt.
Zu Hause zu sein
und zugleich nur zu Besuch im eigenen Haus.
Fortzugehen,
ohne wirklich fort zu sein.
Und schließlich wieder heimzukehren.
Drei Straßen zu Fuß.
Die Stadt im Vorübergehen.
Ihr Tempo. Ihre müden, suchenden Gesichter.
Vertraute Bilder verlieren ihre Konturen.
Ich bin wieder angekommen in meiner Heimatstadt.
Und lausche beinahe hungrig den Gesprächen fremder Menschen,
in einer Sprache, die meinem Herzen nah ist.
Die Sehnsucht nach dem Leben,
das ich zurückgelassen habe,
wie eine offene Tür im Wind.
Weil das Bleiben zu eng wurde
für etwas Namenloses.
Und ich bin nicht mehr ganz die, die ging,
und noch nicht eine andere.
Nur jemand dazwischen,
der weitergeht.
***
Ein wenig Glück
Der Stadt,
die mir so viel gegeben hat.
Denen, die geblieben sind.
Und denen, die gegangen sind.
Wir bleiben dort.
Der Sommer sollte eine schöne Geschichte haben.
Vielleicht muss er das nicht,
aber ich würde es mir wünschen.
Nachts durch die Stadt,
die sich endlos anfühlte,
bin ich nach Hause gekommen.
Ein ruhiger, angenehmer Weg.
Meine Mutter hatte so viel Essen gemacht,
dass ich nicht einmal alles probiert habe.
Wir sind im Morgengrauen eingeschlafen.
Es wurde schon hell.
Sie hat mir ihre Gedichte vorgelesen —
die sie viel besser schreibt als ich.
Wir haben Lindenblütentee getrunken,
und sie hat lächelnd gesagt:
„Ich bin so froh, dass du gekommen bist.“
Am Morgen Kaffee im Café am Bahnhof.
Sie blätterte in einer illustrierten Ausgabe von „Krieg und Frieden“
und schwieg lange.
Dann sah sie auf und sagte:
„Guter Kaffee.“
Tagsüber Regen, Hagel.
Wir blieben im Haus.
Pfannkuchen auf dem Tisch,
Johannisbeertee im Glas,
die Stimme der Großmutter aus dem Nebenzimmer,
Geschichten, die schon erzählt waren und doch wieder kamen.
Damals dachte ich noch,
dass solche Tage nicht verschwinden können.
Glück war das nicht.
Ich war mit einem Freund auf einer Ausstellung
eines Fotografen aus Chicago.
Wir gingen am Fluss entlang
und stiegen auf die Dachterrasse der Bar „Strelka“.
Die Stadt lag unter uns,
Dampfer zogen langsam vorbei.
Ich erinnere mich nicht an die Fotografien.
Vielleicht waren dort gar keine.
Alles war in kyrillischer Schrift geschrieben.
Die dreiunddreißig Buchstaben lagen vor mir
wie etwas Vertrautes,
das ich lange nicht mehr berührt hatte.
Mein Freund wählte zwischen
Lachstartar
und veganem Burger
und lachte über die Entscheidung selbst.
Glück war nichts Festes.
Eher ein Licht auf der Haut,
eine Linie, die kurz sichtbar wird.
Eine kleine Tätowierung am Handgelenk.
Magie, die nicht bleibt.
Ein Tag mit meinen alten Schulfreunden.
Mittags auf dem Markt:
Obst, Gewürze, Nüsse.
Vietnamesische Küche, zu scharf, zu viel, genau richtig.
Die Jungs kippten die ganze Sauce in die Suppe
und waren schweißgebadet von der Schärfe.
Gesichter rot, Augen groß,
und doch lachten wir weiter.
Wir gingen zu Fuß in den Park,
an Mauern entlang, durch warmes Licht.
An der Ziegelmauer eines Klosters
machten wir ein Foto.
Wir drei. Lächeln.
Nicht wie früher — eher: noch einmal.
Das Foto ist geblieben.
Die Stadt haben wir später alle verlassen.
Im Park eine Bank.
Ein Pétanque-Spiel im Abendlicht.
Wir sprachen lange, ohne Ziel.
Als wir gingen, war klar,
wo wir am Samstag tanzen würden.
„Also, sei bereit.
Du wirst uns vertrauen müssen.“
Und ich dachte:
vielleicht bleibt vom Sommer
nur noch Stille.
***
Gülverdiyeva Saida Mamedovna
Der Name Saida (arab. سعيدة, sa’ida) stammt aus dem Arabischen und bedeutet „die Glückliche“, „die Begünstigte“, „die, der das Leben wohlgesinnt ist“. Diesem Namen schreibt man Optimismus und den Wunsch nach Harmonie zu.
Du hattest einen schwierigen Namen. Einen, an dem die Zunge stolperte.
Für uns warst du einfach Saida.
Du färbtest dir die Haare auberginenfarben. Trugst riesige Vintage-Sakkos, drei Nummern zu groß.
Du sahst aus, als wärst du aus einer anderen Zeit gefallen.
Und diese Augen.
Deine Augen waren gewaltig. Zwei Tennisbälle in deinem Gesicht.
Manchmal wollte ich die Hand ausstrecken,
als müsste ich sie auffangen,
bevor sie aus ihren Höhlen fielen.
Du unterrichtetest Literatur und Russisch.
In einem Land, durch das stets ein leichter Wind der Fremdenfeindlichkeit zog, flüsterten sie hinter deinem Rücken:
„Wie kann ausgerechnet Gülverdiyeva Saida Mamedovna Russisch unterrichten?“
Du warst die Beste.
Eine von uns –
und doch größer als alle anderen.
Wir hatten Angst vor dir.
Du warst seltsam.
Voller Feuer.
Aufbrausend.
Und ich verehrte dich.
In meiner Welt gehörtest du zu den Unsterblichen.
Du hast mir den Weg nach innen gezeigt.
Durch dich habe ich Namen entdeckt, Bücher, ganze Welten,
die bis heute in mir weiterleben.
Du hast meinem Blick eine Richtung gegeben.
Ich erinnere mich an einen Tag zwischen Himmel und Erde.
Ich küsste einen Jungen hinter dem Haus,
versteckte mich vor den Fenstern meiner Eltern.
Und am Abend traf mich der Schrecken.
Ich hatte die Geschichten nicht gelesen, die du uns aufgegeben hattest.
Ein Tennisball mitten auf die Stirn.
Im Haus schliefen längst alle. Ich schlich mich ins Bad, ließ Wasser einlaufen und las die halbe Nacht. Wenn das Wasser kalt wurde, ließ ich es ab und ließ neues Wasser ein.
Als der Morgen kam, war ich bewaffnet.
Ich war bereit für dich.
Ich saß immer dicht bei dir.
Und sah zu, wie deine grauen Ansätze wuchsen.
Manchmal fragte ich mich,
wie viele Millimeter es inzwischen waren.
Ich stellte mir vor, mit einem Lineal zu dir zu gehen und sie nachzumessen.
Und manchmal dachte ich einfach nur:
Auf welchem fruchtbaren Boden wächst das heran?
Dann läutete die letzte Schulglocke.
Die Schule spuckte uns ins Erwachsenenleben.
Manche gingen fort. Für immer.
Später erfuhr ich, dass sie dich entlassen hatten.
Dass du Schulden hattest.
Dass dein Sohn nicht zurechtkam.
Dass dein Leben an den Nähten aufriss.
Du ludst uns auf Tee und Éclairs ein.
Du schicktest uns Leselisten.
Du batest uns, dich anzurufen.
Und ich rief nicht an.
Küsste wieder jemanden.
Diesmal ohne mich zu verstecken.
In irgendeiner Bar einer fremden Stadt.
Eines Tages schickte mir jemand ein Video.
Du standest auf der Brüstung deines Hauses.
Dritter Stock.
Vielleicht vierter.
Dasselbe übergroße Sakko.
Doch die Bühne war eine andere.
Menschen standen unten mit ihren Handys.
Sie filmten.
Du konntest dich nicht entscheiden.
Ich sah dich an wie früher.
Und wieder wollte ich die Hand ausstrecken.
Diesmal nicht zu deinem Gesicht.
Sondern zu deinen Füßen.
Und das Seltsame ist nicht, dass niemand geholfen hat.
Das Seltsame ist, dass alles, was du uns beigebracht hattest,
danebenstand.
Während du den Schritt ins Leere machtest.
***
Meine griechischen Ferien
1.
Ein paar Minuten allein auf dem Dach.
Wasserrauschen — jemand duscht.
Ein sich umarmendes Paar auf der anderen Straßenseite verschwindet in der Tür des Hauses.
Licht im Fenster.
Der Himmel: blauviolett.
Blühende Bäume, sonst niemand.
Ein kleiner, enger Strand.
Hinausschwimmen bis hinter die Bojen.
Ein Rausch der Freude, fast schmerzhaft.
Vom Tag verbrannt.
Ein zu enger Badeanzug.
Muschelreste auf der Haut.
In der Apotheke anstehen, Aloe-Vera-Gel kaufen.
2.
Mit dem Boot in eine Richtung fahren.
Eine Taverne, verborgen vor Blicken.
Der Sonnenuntergang wechselt seine Farben.
Abendessen am Meer.
Ein letztes Schwimmen in der Dunkelheit.
Das Wasser warm, als Verlängerung des Körpers.
Nasse Haare auf dem Rücken.
Lichter. Griechische Musik.
Der Heimweg durch die Nacht.
Weihrauch in der Luft.
Unzählige Katzen, die mehr schlafen als ich.
3. Spetses
Eine verlassene Villa.
Das College, an dem John Fowles unterrichtete.
Weißwein am Strand. Übergang in die Nacht.
Nackt im Meer schwimmen.
Ich streichle eine streunende Katze am Tisch. Dann bin ich allein.
Ich drehe mich um — und sehe jemanden, an den ich mich erinnere.
Unsere Blicke treffen sich. Er wendet sich ab, dann senkt er die Augen —
und ich sehe, dass er sich freut.
Seine blauen Augen.
Gebräunte Haut.
Leicht ergrautes Haar.
Etwas an ihm berührt mich.
Ein paar Sekunden. Eine Überschneidung zweier Leben.
Abendsonne. Wärme auf der Haut.
Es ist unmöglich, sich zu nähern.
Ein Aufblitzen eines nicht gelebten Lebens.
***
Diese Stadt fließt langsam durch uns.
Wir kamen von einem Konzert,
und hinter uns sahen Häuser und Bäume verstohlen zurück.
Wie ein großer Riese lag der Schnee am Straßenrand.
Er streckte seine Pranke aus,
und wir fanden den Weg in sein Haus.
Mit gesenkten Köpfen gingen wir,
wie Maiglöckchen,
verloren im Labyrinth der Zeit.
Am anderen Ende des Lebens
traten wir wieder hervor,
unter einem anderen Namen.
Du nahmst meine Hand.
Mehr möchte ich nicht erzählen.
***
Du nahmst mein Handgelenk
und verbandst in meiner Armbeuge
mit einem Stift zwei Muttermale.
„Schau, das sind du und ich.“
Fast zwanzig Jahre später
sehe ich sie noch immer.
Doch die Linie dazwischen
ist mit der Zeit verblasst.
***
Wir sitzen uns gegenüber
in einem fast leeren Café.
Die Spiegel vervielfachen unsere Nähe.
Ich schaue dich an – benommen.
Ich liebe dich und möchte dir gestehen,
wie glücklich ich bin,
dass du ein wenig mein bist
und ich deine.
Du siehst mich kühn an und sagst:
„Nein. Du bist ganz mein.“
***
Auf deinem Körper –
Sternbilder aus Muttermalen,
erloschene Vulkane.
Unsere Kleidung streift sich leise.
Du zeichnest mich,
den Kopf geneigt.
Ich schaue in den sich öffnenden Raum einer Muschel –
zwischen der Linie deines Halses
und dem Kragen des Hemdes.
Der Klang einer sich entfaltenden Blüte
verwischt, was zwischen uns gezeichnet wurde.
***
Der Abend wob ein feines Muster unserer Freundschaft.
Draußen fiel Schnee –
Flocken so groß wie eine Katzenpfote.
Wir saßen in der kleinen Küche
einer Mietwohnung,
tranken Tee aus den Porzellantassen deiner Großmutter.
Wir sprachen über das Leben,
darüber, wer wir waren und mit wem.
Wir sprachen dieselbe Sprache,
lächelten,
versanken ins Nachdenken,
legten eine neue Schallplatte auf.
Und irgendwo mitten in der Nacht
kam dir dieser Gedanke:
— Lass uns Pfannkuchen backen!
***
Im halbvergessenen Traum
wächst meine Zärtlichkeit zu dir
wie ein zerbrechlicher Trieb.
Sie bricht sich im Licht,
zersplittert
auf dem Leib des Wassers,
hinterlässt eine Spur,
einen Riss,
im ruhigen Gewebe der Fläche.
Gedanken ziehen Kreise
über die glatte Wasserhaut.
Tief unten,
wo der Atem sein Lebensrecht verliert,
versinken klebrige Finger
im honigsüßen Fluss der Körper.
***
Du bist der, den ich nicht gesucht habe,
zu dem ich aber gekommen bin.
In meiner Hand zwei Fäden,
die sich nicht lösen,
und ein Samenkorn einer Blume,
die noch keinen Namen hat.
***
Ich brauche Musik, um zu tanzen,
Stille, um zu schreiben,
und ich brauche
dich.
Ich weiß, du fürchtest,
dass alles wieder von vorn beginnt,
dass das Innere über die Welt hinauswächst
und die äußeren Formen verschlingt.
Du nimmst meine Füße –
den aus deiner Sicht unattraktivsten Teil des menschlichen Körpers –
und drückst sie sanft zurück zur Erde.
Doch verstehe:
Der Ort, an dem Gedichte entstehen,
liegt weit über dem Boden,
und manchmal ist der Weg zurück
nicht leicht zu finden
aus dieser leuchtenden,
märchenhaften Ferne.
***
Zwischen dir und mir
spannt sich ein Bogen aus Stille,
ein Raum,
den die Musik misst.
Du warst nie der Mensch,
für den ich dich hielt.
Und doch berührt es mich noch immer:
deine gebeugten Schultern,
dein Blick,
der an mir vorübergeht.
Seit Jahren
trägst du diesen Schatten in dir.
Und selbst,
wenn du ihre Hand hältst,
bleibt zwischen uns etwas,
das du nicht mehr erreichst.
***
Ich sehe dich wieder
und alles steht bereit,
als hätte es nur auf uns gewartet.
Doch nach einem Jahr des Schweigens
wünsche ich nur eines:
Stille ohne dich.
Ich will mich nicht verlieren
in deinen Händen,
die den Weg zu mir kennen.
Du kreist um mich
wie ein Gedanke,
der sich nicht traut,
Wort zu werden.
Ich spüre, du treibst bereits
jenseits der Küste,
und ziehst mich mit hinaus.
Ich wache auf und mein Herz schlägt in deiner Handschrift.
Wir zahlen noch
für ein Leben,
an das wir uns nicht erinnern.
***
Ich senke den Blick,
wenn wir uns begegnen,
weil dein Blick
mich lesen würde.
Das ist mein letzter Schutz.
Vor dir.
Alle anderen
hast du längst durchschaut.
***
Meine Träume sind leer,
die Straßen und Gesichter auch.
Mitten in der Nacht ertönt dein Anruf
wie eine Glocke, die mich weckt.
Auf die einfache Frage „Wie geht es dir?“ antwortest du:
„Ich verstricke mich in Erinnerungen
wie eine Biene im dunklen Blütenkelch,
der sich nicht mehr öffnet.“
***
Der Schatten dieser Nähe
fällt auf meine verbrannten Schultern.
Der Sonnenuntergang und die abgesplitterte Glaskante
verletzen mir die Lippen bei jedem Schluck Wein.
Du sagtest, du seist dankbar,
dass sich unsere Wege gekreuzt haben.
Ich bin das Lebensblut,
das von Begegnung zu Begegnung fließt
und dein erschöpftes Herz versorgt.
Ich lösche geschriebene Worte,
das Unausgesprochene verliert sich,
ohne je Form, Fleisch oder Sinn zu werden.
Eine angelehnte Tür. Das Sonnenlicht
kriecht lautlos wie eine Schlange heran,
windet sich um meine Knöchel.
Das bist du –
du erscheinst in verschiedenen Formen und Klängen,
zerstörst mich,
bringst mich aus dem Gleichgewicht.
Ich würde gern die Hand ausstrecken
und diese Tür für immer schließen,
doch vor dir bin ich machtlos.
Diese Kraft steht über dem Irdischen in mir.
Es ist ein Spiel der Ungleichen.
Eine Unterströmung,
tiefer und tiefer,
Tag für Tag,
die mich mir selbst entzieht.
***
Der Stich der Zeit
Wir müssen uns wieder neu entdecken.
Tiefer in uns sind wir vielschichtiger
als jede Schweizer Uhr.
Schade, dass wir so selten in die Welt des anderen eintauchen.
Vielleicht haben wir verlernt zu schwimmen.
Oder es liegt daran,
dass wir morgens lieber Brötchen und Eier wählen
anstatt etwas Leichteres.
Ich wollte dir erzählen,
dass ich vor ein paar Tagen etwas gespürt habe:
einen kleinen Stich.
Den Stich der Zeit.
Die leise Stimme der Eifersucht.
Oder ihr Schatten,
der sich Traurigkeit nennt.
Es war wieder da —
auf einer Vernissage,
und früher schon auf jener Geburtstagsfeier.
Da war dieser Mensch,
der deinen Blick für einen Moment hielt.
Nur kurz.
Und du wurdest still.
In dieser Stille hat sich etwas in mir verschoben.
Vielleicht war es nur das:
ein Augenblick des Sehens.
Ich kenne diesen Moment.
Ich bin darin nicht unschuldig.
Vielleicht heißt das nur,
dass wir noch fühlen.
Dass wir noch nicht verschwunden sind.
Dass wir fähig bleiben:
zu leben, zu lieben,
uns zu verlieren, zu begehren,
und jemand zu sein,
der wir nie geworden sind.
Die Wege, die wir nicht gegangen sind.
Ich hätte dir sagen wollen,
dass uns etwas verloren gegangen ist:
diese Nähe aus Worten und leisen Berührungen.
Und die Zeit steht dazwischen.
Sie lässt alles vergehen.
Alles vermischt sich irgendwann mit Erde oder Wasser,
mit Häfen, an denen Schiffe vorbeiziehen.
Manche gehen unter.
Nach einem leisen Bruch.
Und trotzdem:
Sei mutiger.
Furchtloser.
Näher.
Wir sind verschieden —
und doch hast du einmal gesagt,
wir seien wie Magnetpole.
Ich bin der Südpol,
du der Nordpol.
Oder umgekehrt.
Es spielt keine Rolle.
Wichtig ist,
dass wir uns halten.
Und ich will deine Hand nicht loslassen.
Nicht in die Dunkelheit.
***
Zierrat
Gestern Nacht ging ich zu Fuß von dir,
gerade noch rechtzeitig für die letzte Straßenbahn.
Die Augen geschlossen, an das Fenster gelehnt,
kamen mir die Tränen.
Ich schrieb einem alten, treuen Freund,
dass ich wieder in diese Falle der Gefühle geraten bin.
Du kannst dich verlieben.
Nicht jedem ist das gegeben.
Doch es wartet etwas auf dich,
wichtiger als jeder Mensch:
du musst lernen, dich selbst zu lieben.
Es ist ein weiter Weg —
sich selbst zu lieben;
nicht leichter als einen anderen zu lieben.
Das ist das Wesentliche.
Alles bleibt Zierrat.
***
Du hast mir am letzten Tag des Sommers
einen Kamm geschenkt.
Ich schließe die Augen
und löse mein Haar.
In den Falten meines Kleides
haben sich kleine Blumen verborgen.
Der Wind hat sie mir zugetragen,
großzügig wie ein Geschenk.
Als wären sie eine Gabe
Für die Art, wie ich bei dir bleibe.
***
Führ mich mit dir,
durch die Straßen lärmender Bars,
gefüllt mit den Ängsten, Verlusten
und Hoffnungen der anderen.
Führ mich durch Rauch
und verschränkte Finger.
Zeichne Wege auf meiner Haut.
Schau mich mit Zärtlichkeit an.
Ich lege mein Sommerkleid ab,
und alles löst sich auf.
Ich denke, auch du beginnst zu verschwinden.
Berühre mich –
damit ich dich halte.
***
In der Stille meiner Stimme
haben deine Träume Zuflucht gefunden.
Wir saßen nebeneinander,
vermieden Blicke
und die Schwere der Worte.
Unter den Nägeln wie ein Saum,
eine dunkle Linie,
ein Bogen,
eine Reihe von Sandkörnern, dicht an dicht.
Diese Zeit,
erstarrt.
***
Die Zeit hat sich zu einer Sprungfeder zusammengerollt
und drückt aus der Tiefe auf uns ein.
Ein Jahr zuvor, in der Stadt,
in der die Straßenbahn aus dem Blick verschwand,
gingen meine schönsten Tage,
durch eine dunkle, von Karten vergessene Straße,
mich umarmend-
so wie nur du es getan hast.
***
Nullpunkt
Sich selbst auslöschen, zu nichts werden.
Ein namenloses Wesen sein.
Ins Einfache fallen,
durch Ängste und Wirren hindurch.
Du hast alle Kleider abgelegt.
Der Strom trägt dich,
doch sein Ziel bleibt verborgen.
Immer wieder diesen Weg wählen.
Verschweige seinen Preis.
Ich werde Steine
zum Blühen bringen.
***
Eine lange Reihe von Tischen
zieht sich über den Berghang.
Ich schaue hin.
Eine erste Zeile
beginnt sich zu formen:
„Ich bin ein brennender Faden im Wind…“
Doch neben mir, nur einen Meter entfernt, läuft ein Kochkurs.
Eine Gruppe von Menschen klopft laut, zerstampft ein Pesto.
Sie werden von fröhlichen Rufen „Bravo“ begleitet.
Und plötzlich
höre ich nichts anderes mehr.
Ich schaffe es nicht, mich zu verstecken.
***
Wie lange ich schon schreibe.
Das hätte gereicht
für ein Fresko,
um die Wände
einer kleinen Kirche
am Meer zu bedecken.
Das hätte gereicht,
um endlich
mich selbst
zu verstehen.
Das hätte gereicht.
Aber es reicht mir nicht.
Und ich schreibe, weil ich
anders
nicht atme.